Höflichkeitsmuffel

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„unverblümt“ ist ein schönes deutsches Wort, positiv ist es jedoch nicht. Denn es ist ein Synonym für „direkt“ und damit nicht immer höfliches Verhalten.

War man in Deutschland früher höflicher? Die Antwort darauf ist ein klares Ja – das hat zumindest eine Meinungsumfrage unter mehr als tausend Deutschen ergeben.

Interessant ist, dass dieser Meinung nicht nur ältere Menschen sind, die ja gern darüber klagen, dass früher alles besser war. Laut den Meinungsforschern finden es 91 Prozent unhöflich, wenn der andere immer wieder auf sein Handy schaut, obwohl man gerade mit ihm spricht. Auch seinen Sitzplatz älteren Menschen oder Schwangeren anzubieten, hält ein Großteil der Deutschen für wichtig. Unklarheit herrscht aber beim Thema Duzen und Siezen: Da geht es immerhin 50 Prozent der Deutschen genauso wie Ausländern: Sie sind sich unsicher, wen sie mit Du und wen mit Sie ansprechen sollen.

Gutes Benehmen verbindet man in Deutschland vor allem mit dem Freiherrn Adolph Knigge, der schon im 18. Jahrhundert lebte. Heute denkt man bei Knigge gern an Fragen wie: Wo auf dem Tisch müssen Messer und Gabel liegen? Aber damit tut man dem Schriftsteller und Aufklärer unrecht, dessen bekanntestes Buch „Vom Umgang mit Menschen“ heißt. Heute heißt dieser Text nur noch kurz „Der Knigge“.

Wenn es übrigens eine Stadt gibt, die nicht für ihre Höflichkeit bekannt ist, so ist das sicher Berlin. Diese Erfahrung musste auch ein amerikanisches Paar machen, das die deutsche Hauptstadt besichtigte. Als die Touristen dem Busfahrer ihre Tickets geben wollten, sagte der: „Soll ich da jetzt reinbeißen oder was?“ Berlin-Fans geben gern zu, dass die Hauptstädter in Sachen Höflichkeit durchaus Nachhilfe gebrauchen könnten. Dafür aber seien die Berliner sehr hilfsbereit. Sie würden es nur nicht auf dem Präsentierteller vor sich hertragen, sondern tief in sich.

 

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